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Alles Grauzonen? Provenienzforschung mit moderner Kartographie

GeoWerkstatt-Projekt des Monats April 2025

Projekt: DiViAS - Digitalisierung, Visualisierung und Analyse von Sammlungsgut

Forschende: Forschungsverbund DiViAS, Stefan Fuest

Projektidee: Historische Prozesse wie beispielsweise Schiffsreisen visuell in Karten aufzubereiten, stellt eine besondere Herausforderung dar, da die räumliche und zeitliche Verortung von Ereignissen oft mit diversen Unsicherheiten einhergehen. Als Teil des DiViAS Projekts werden am Institut für Kartographie und Geoinformatik Visualisierungskonzepte entwickelt, die es erlauben, verschiedene Arten von Unsicherheiten in der Datengrundlage visuell zu kommunizieren.

© ikg
Links: Beispiel einer historischen Schiffsroute der SMS Albatross aus dem Jahr 1886 im Zusammenhang mit kolonialen Sammelaktivitäten in der Bismarcksee im heutigen Papua-Neuguinea, Kartengrundlage: Staatsbibliothek zu Berlin ‐ Kartenabteilung; rechts oben: Logbuch aus der Prize Papers Sammlung, HCA 32/1828/2; rechts unten: Bootsmodell mit zwei Figuren aus der Sammlung Kuprejanov, Inv.-Nr. 1390 - Foto: Landesmuseum Natur und Mensch / Martin Henze.

In deutschen Museen finden sich etliche Kunstwerke und Kulturgüter, die unter fragwürdigen Umständen in früheren Jahrhunderten gesammelt und in die Bestände gelangt sind. Heute beschäftigt sich die Provenienzforschung damit, die Herkunftsgeschichte dieser Objekte nachzuvollziehen. Um neue Erkenntnisse über historische Prozesse und Objekte aus kolonialen Kontexten zu gewinnen, verbindet der Forschungsverbund DiViAS (Digitalisierung, Visualisierung und Analyse von Sammlungsgut) an den Standorten Oldenburg, Hannover und Göttingen geisteswissenschaftliche Disziplinen mit technischen Methoden wie beispielsweise KI und 3D-Messtechnik.  Um nachzuvollziehen, woher die Museumsobjekte stammen, nehmen sich die Forschenden alte Logbücher und Reiseberichte von Kaperfahrten und anderen Schiffsreisen in kolonialen Kontexten vor. Die Texte werden zunächst in moderne Sprache transkribiert und dann mit Hilfe von Sprachmodellen automatisch annotiert. So lassen sich Informationen über Orte, Zeiten, Personen und Objekte aus den Texten extrahieren und klassifizieren. Diese Informationen werden in einer Datenbank gespeichert und dienen als Grundlage für die Visualisierung der Wege von Schiffen, Personen oder Museumsobjekten.

Am Institut für Kartographie und Geoinformatik geht es um die Visualisierung solcher Schiffsrouten. Eine besondere Herausforderung, denn die historischen Quellen geben die Routen teilweise nur mit Lücken oder ungenauen Beschreibungen wieder. Wie lassen sich solche räumlichen und zeitlichen Unschärfen aber auf Karten sichtbar machen? Dafür definieren die Forschenden sogenannte Möglichkeitsräume: Ein Möglichkeitsraum umfasst den gesamten Raum, in dem ein Ereignis stattgefunden haben könnte, was sich auf den geografischen Raum, aber auch auf einen Zeitraum beziehen kann. Der Grad der Unschärfe, der einem beschriebenen Ereignis innewohnt, kann von einer sehr genauen bis zu einer sehr ungenauen Angabe reichen. So kann der zu definierende Möglichkeitsraum je nach Wortlaut einer Beschreibung aus der historischen Quelle z. B. die Fläche eines Hafens, einer Bucht oder im Extremfall eines gesamten Ozeans umfassen. Ähnlich wie bei der räumlichen Unschärfe ist es auch möglich, verschiedene Ebenen der zeitlichen Unschärfe zu definieren. Hier kann die Unschärfe von einer sehr präzisen Zeitangabe bis zu einer sehr ungenauen zeitlichen Information reichen, wobei der zu schaffende Möglichkeitsraum das Format eines Zeitraums hätte. Damit sich verschiedene Unschärfegrade visuell unterscheiden, werden visuelle Variablen verwendet, wie beispielsweise Transparenz und Verwischungseffekte, sowie Farb- und Größenvariationen. Auch dynamische Effekte wie Animationen, die Bewegungsdaten intuitiver darstellen könnten, werden untersucht. Abb. 2 zeigt ein Visualisierungsbeispiel des Möglichkeitsraums Steffenstraße, in dem die zugrundeliegende Unschärfe symbolisiert ist.

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Visualisierungsbeispiel eines Möglichkeitsraums für das Ereignis „Fahrt durch die Steffenstraße“ als Teil der Reiseroute der SMS Albatross aus dem Jahr 1886, mit einer zufälligen Auswahl an potentiellen Verortungen des Schiffes innerhalb des Möglichkeitsraums. © OpenStreetMap.

Am Ende sollen die im Projekt entstehenden Visualisierungen in eine digitale Plattform integriert werden, die der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wird. Die Informationen sollen dabei visuell an die Bedürfnisse verschiedene Zielgruppen angepasst werden, insbesondere Museumsbesucher, Forschende und Mitglieder der Herkunftsgesellschaften. Basierend auf der gleichen Datengrundlage werden verschiedene Arten von Webkarten-Darstellungen implementiert. Dazu zählt eine dynamische Karte, die über eine Zeitleiste gesteuert werden kann, sowie eine Storymap, die den Nutzenden interaktiv und erzählerisch die Ereignisse einer Schiffsreise näherbringt. Wie verständlich und attraktiv die vorgeschlagenen Visualisierungskonzepte zur Darstellung von Unschärfe und die verschiedenen Darstellungsformen tatsächlich für verschiedene Nutzergruppen sind, soll innerhalb der digitalen Plattform durch potentielle Nutzer getestet werden.

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